Was macht neues Leben in der Familie, die schon Jahrzehnte in demselben Trott lebt? Wie kann ein Mensch unter Milliarden Menschen die eingefahrenen Routinen langsam aufbrechen, in der man sich gefangen sieht? Ich kann es euch sagen: Wenn ihr euren Neffen auf dem Schoss haltet und in den Armen ein wenig wiegt, ändert sich zuerst ein wenig die Stimmung. Nicht bemerkenswert oder gar in einem Umbruch. Aber schleichend ändert sich die Perspektive auf sein Selbst und die Verantwortung, die man nun auch als Tante hat.
Ich hatte den kleinen Jungen am Wochenende das erste mal, anfangs zuerst in meinen Händen, weil ich nicht wusste, was man mit so einem fremden Wesen machen soll, wie man es handhaben soll. Nach kleinen Instruktionen der Eltern sass er auf meinem Schoss und aus Verzweiflung wippte ich das Bein, auf dem er sass. Er starte mich und meine blau karierte Bluse an, als ich krampfhaft darauf achtete ihn fest genug in meinen Händen zu halten während ich ihn auf meinem Bein auf und ab schaukeln liess.
Mein kleiner Neffe ist nun vier Monate alt und erforscht seine Umgebung. Er sieht alles unvoreingenommen und frei von seiner vorgebildeten Meinung, da er diese noch nicht bilden konnte. Er ist ein Block Speckstein das darauf wartet zu einem komplexen Kunstwerk geschliffen zu werden. Seine Eltern haben die Führung bei dem Meisel, Aber auch Tanten, wie ich, können noch Akzente oder Schattierungen setzen mit ihrem feinen Schleifpapier. Diese Aufgabe darf man nicht auf die leichte Schulter nehmen.
Es folgte eine Episode mit dem Vater des Kindes, auf die ich nicht eingehen muss.
Aber als ich wieder das sabernde, neugierige und vergnückte Gesicht dieses kleinen Menschen sah, wusste ich, dass es Zeit wurde ihn auf den Arm zu nehmen. Vorsichtig nahm ich das Kind aus dem Griff der Mutter und lag es vorsichtig in meine Arme, wobei mein rechter Arm als Stütze für Körper und Kopf diente. Die Rechte Hand wurde zu dem Sitz des Popos während meine linke Hand die Seite des Kindes vor dem Runterruschen schützte.
Ich fing ganz instinktiv an ihn zu wippen, um ihm ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. Dabei griff er mit seinen Puppengrossen Fingern den Zeigefinger meiner linken Hand.
In diesem Moment habe ich mich verliebt. Ich verspürte die Liebe die einem sagt, dass man sich für diesen Menschen Mühe geben sollte. Es ist nicht die gleiche Liebe, die ich mit meinen Geschwistern teile, oder Freunden, auch nicht die gleiche als bei meinen Eltern.
Dieser kleine Mensch ist noch völlig frei von Schuld oder schlechten Gedanken. Die Liebe, als dieser Mensch meinen Finger umklammerte und mich als würdig genug erachtete ihn zu halten, ist eine Liebe der Verpflichtung. Die Verpflichtung dieses Kind mit zu formen zu einem lieben, klugen, aber nicht leichtgläubigen Mitglied unserer, durch ihn, gewachsenen Familie.
Es gibt immer wieder betrübliche Tage und Wochen. Aber ein kleines Baby nimmt einem diese dunklen Gedanken.